Artikel zu Black Metal aus dem Metal Hammer Ausgabe Nr. 6 / 1993
SATANISCHE VERSE
"A lunatic music,
The end of flock kindom
Sheep, you thirst for our insanity"
(At The Gates `Windows`)
Black Metal - eher ein Vorläufer des ungleich erfolgreicheren Death Metals, mittlerweile aber auch so etwas wie sein Erbe; die extremste, haßerfüllteste, provozierendste Musik, die wohl zur Zeit auf diesem Globus gemacht wird.
Und vielleicht auch diejenige, die die gesamte Toleranz, die mittlerweile extremen Musikformen zukommt, wieder zerstören kann. Stärker noch als im Death Metal sind im Black Metal gewisse böse Accessoires Pflicht. An erster Stelle zu nennen: Satanismus. Das ganze Auftreten der zeitgemäßen Black Metal-Bands zielt einerseits auf größtmögliche Schockwirkung, andererseits auch immer wieder darauf, die Existenz dieser gesamten Szene in einer mystischen, bedrohlichen Dämmerung zu belassen. Das Potenzial des Black Metal als rotes Tuch für die selbststilisierten Kontrollinstanzen der Gesellschaft ist kaum zu ermessen, und damit kommen wir zum eigentlichen Anlaß für diese Story, der Tatsache daß genau das geschehen ist: Black Metal hat sich aus den Kolumnen der Underground-Fanzines in das Interesse der Massenmedien katapultiert.
Tatort Norwegen: Ein Land, das mit Bands wie Mayhem, Darkthrone, Immortal, Burzum und Emperor als eines der Zentren der Black Metal-Rennaissance gilt. Lange Zeit war Black Metal ja, auch durch den massiven Erfolg des Death Metal, ein reines Untergrundereignis. Relativ unbeobachtet vom öffentlichen Musikinteresse, hat es seit Venom (die man als die erste Black Metal-Band betrachten muß) immer wieder Bands gegeben, die eine zentrale Rolle für eine kleine, aber stets existente Szene einnahmen. Bands wie Bathory in Schweden Mitte der Achtziger etwa; in Norwegen spielen seit ca. 1984 Mayhem diese Rolle. Erst als musikalische Urväter der einheimischen Szene, aber spätestens seit dem Selbstmord des Mayhem-Sängers Dead im Frühjahr 1991 richtete sich die Aufmerksamkeit von Mayhem und den mit ihnen assoziierten Bands auf mehr als nur die Bewahrung einer ökologischen Nische für die von ihnen verehrte Musik. Der sogenannte Black Metal Council of Norway, der unter der Führung Euronymous´ (von Mayhem) Musiker fast aller oben angegebenen Bands umfaßt, begann mit seiner selbstgestellten Aufgabe, die Welt von nicht wahrhaft ergebenen Black-Metallern und dem Satanismus abschwörenden Death Metal-Bands zu reinigen; wobei das letzte Ideal ist, die Welt in ein neues Zeitalter düsterer Riten, ein zweites Mittelalter zu stürzen. Erste Gerüchte, die an die Öffentlichkeit drangen, betrafen eine Todesliste der als Feinde erachteten Musiker, dazu kamen bald Übergriffe wie etwa der Versuch, das Haus des Therion-Sängers Kristofer abzufackeln (Therion spielen nach Meinung vieler satanistischer Musiker in Skandinavien sogenannten Treibhaus-Effekt-Death Metal, also Death Metal mit politisch/sozialen Texten - die Tatsache, daß Therion sich jetzt wieder dem Okkultismus zugewandt haben, hat die Sache übrigens noch schlimmer gemacht) und Angriffe auf den Tourbus von Paradise Lost. Der traurige Höhepunkt drang jetzt vor kurzem an die Öffentlichkeit, als Varg Vikernes alias Count Grishnákh, Frontmann von Burzum, unter dem Verdacht, acht Kirchen in ganz Norwegen niedergebrannt zu haben, verhaftet wurde. Auf einmal war die gesammelte Aufmerksamkeit der Medien auf diese geheimnisvolle, faschistisch-satanistische Vereinigung gerichtet und wurde von den Mitglieder genutzt, Parolen wie "Black Metal ist für brutale Leute; Leute die fähig sind zu töten!" (Euronymous - Mayhem) oder "Menschen sind dumm und wertlos, sie existieren um einem Führer zu folgen" (Count Grishnákh - Burzum) herauszuposaunen. Kommt das bekannt vor? Jedenfalls - und ich möchte hier wirklich keinen Platz für derartig gefährlichen Quatsch einräumen - ist der Weg frei für die generelle Verdammung der Musik. Welcher? Korrekterweise des norwegischen Black Metals, aber das Wort "norwegisch" wird jeder sofort vergessen. Ebonso das Wort "Black"? Wie leicht kann es passieren, daß wegen der Taten einiger Idioten wieder ganze Musikszenen aus dem Kegel der Toleranz weichen müssen. Ich habe mich bemüht, ein paar Stimmen zu diesen Ereignissen einzufangen, die vielleicht dazu anregen, etwas nachdenklicher an die Sache heranzugehen, anstatt jetzt sofort wieder alles in Bausch und Bogen zu verdammen. Die andererseits auch etwas Licht in das Dunkel der obskuren Kakophonie an Okkultismen, Ideologien und Strategien dieser vielschichtigen, jedoch fremdartigen und durchaus - aber differenziert - kritikwürdigen Szene bringen könnten.
Eine Stimme aus dem Dunkel
Ted Skjellum alias Nocturno Culto, Gitarrist und Sänger von Darkthrone, einer Band, die dem Black Metal Council of Norway zugeordnet wird, und deren Schlagzeuger Fenriz als einer der aktivsten Kräft hinter den Terroraktionen gilt:
"Ich möchte eigentlich diese ganzen Ereignisse nicht kommentieren. Es ist mir egal, und ich habe damit nichts zu tun. Ich weiß, daß unser Schlagzeuger in diese Sachen verwickelt ist, aber das ist nicht meine Sache. Wir treffen uns nur selten, um zu üben. Ansonsten lebe ich an einem sehr einsamen Ort und ich kenne kaum jemand von diesem Council. Sollen die sich doch alle umbringen - diese Leute sind reichlich komisch, um es einmal so zu sagen. All die Dinge, die passiert sind, sind sehr schlecht für die norwegische Black Metal-Szene. Die ganzen Aktionen waren kindisch und Kindern durchgeführt. Jetzt stehen sie den Konsequenzen gegenüber, und die Zeitungen sind voll davon, wie sie weinen und sich entschuldigen. Mich regt das fürchterlich auf, denn es zerstört das ganze Mysterium des Black Metal. Ich möchte nicht, daß jeder Idiot über diese Musik informiert ist."
Was bedeutet denn Black Metal für Dich?
"Black Metal ist für mich der musikalische Aspekt meiner Religion. Aber Black Metal ist für mich ein persönliches Ding, nichts, was man in die Öffentlichkeit tragen sollte. Jeder behauptet, er sei der "richtige" Satanist, und jetzt fangen sie an und gehen los, alle anderen umzubringen. Ich selbst behaupte nichts; ich fühle daß ich für mich das Richtige gefunden habe, aber das geht keinen etwas an. Ich spiele keinen Black Metal, um Platten zu verkaufen, um Fans zu bekommen, oder Anhänger, die dann für meine Meinung losgehen und anderer Leute Häuser anzünden. Ich spiele Black Metal, um für mich selbst einen musikalischen Ausdruck meiner Lebenseinstellung zu finden. Wenn ich es in Zukunft noch machen werde, dann ausschließlich für mich selbst."
Aber Darkthrone als Band existiert doch noch. Hast Du jemals versucht, diesen zerstörerischen Prozess zu stoppen?
"Die Band ist kein dummer Debattierclub, in dem wir über unsere Religion diskutieren. Wenn Fenriz diesen Mist weitermachen will, so soll er es tun - für mich ist die Black Metal-Szene in Norwegen eh zerstört. Und wenn sie ihn fangen, ich werde darüber lachen."
Andere Schattenregionen
Tomas Lindberg, Sänger der schwedischen Band At The Gates, die intelligent-satanistische Texte mit avantgardistischen Black/Death-Metal verbindet:
"Glücklicherweise haben wir mit dieser Geschichte bisher nichts zu tun. Keiner wirft uns vor, wir würden Treibhaus-Effekt-Death Metal machen oder der falschen satanistischen Organisation angehören, so daß wir vor den Norwegern bisher unsere Ruhe hatten. Ansonsten ist das natürlich der heilige Schwachsinn, was diese Black Metal-Kids da veranstalten. Ich sehe mich selbst als Satanisten, aber eher in einem philosophischen Sinn. Stanismus heißt nicht, böse zu sein; Satanismus ist ein Synonym für Freiheit. Was aber auch einschließen muß, daß du die Taten anderer tolerierst."
Meinungen über Satanismus scheint es ja mindestens so viele zu geben wie satanistische Bands. Wird der Begriff nicht irgendwann zur Hülse?
"Immer da, wenn er zum Dogma erhoben wird. Ich weiß nicht, wie einzelne Personen zu ihrer satanistischen Offenbahrung kommen, aber für mich ist immer das Entscheidende, daß Satanismus eine Philosophie ist und keine Religion. Eine Philosophie, die auch Probleme integrieren muß. Niemand darf sich hinstellen und seinen Satanismus als den einzig wahren predigen, und noch viel weniger darf man aus dieser Überzeugung heraus andere töten. Ich zumindest dachte bisher, daß Black oder Death Metal eine Art musikalisches Ventil für Aggressionen ist, aber ich fürchte, die Leute in Norwegen haben vergessen, daß Black Metal Musik ist."
Mika Lutinnen, Sänger der finnischen Black Metal-Band Impaled Nazarene, die, obwohl eine der extremsten satanistischen Bands der Welt, ebenfalls auf der ominösen Todesliste steht:
"Wir möchten nicht mehr Black Metal genannt werden, seitdem diese ganzen norwegischen Bands die Götter sind und alles zerstört haben, was Black Metal jemals gewesen ist. Sie sagen, Black Metal wäre Satanismus. Mal ernsthaft, keine Musikform, am wenigsten Metal, kann Satanismus sein. Satanismus ist mein Leben - ich lebe für die Dunkelheit und die Kräfte, die in ihr verborgen sind. Ich bin Satanist, Okkultist, und ich bin stolz darauf! Satanismus bedeutet konstantes Lernen, und es läuft definitiv nicht so, daß du an an Black Metal Gefallen findest und plötzlich kommt dieser Geistesblitz: "Hey, jetzt bin ich ein Satanist!"
Und wie steht es mit den terroristischen Aktivitäten, die die norwegische Szene jetzt in die Schlagzeilen gebracht haben?
"Zu dem ganzen Mist gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Seit Dead, der Sänger von Mayhem, sich umgebracht hat, passiert in Norwegen nur noch Schwachsinn. Dieser Typ von Old Funeral beschließt, er sei der allmächtige Gott und nimmt den Namen Burzum - aus diesem extrem bösen Buch "Der Herr der Ringe" - an. Er und die anderen Idioten dieses Black Metal-Zirkus aus Norwegen erklären dem Rest der Welt - uns eingeschlossen - den Krieg. jetzt haben sie sich selbst in die Scheiße geritten. Die sogenannte Black Metal-Szene wurde viel zu lange von Mayhem manipuliert. Diese Band hat es seit 1987 nicht mehr geschafft, irgendetwas zu veröffentlichen. Ich denke, daß sie dabei sind, ihren Ruf zu verlieren, deswegen geht jetzt dieser Kinderkram ab. Mittlerweile gibt es genug wirklich gute Black Metal-Bands, die sich einen Dreck um Euronymous, Mayhem und den ganzen norwegischen Black Metal Council kümmern, wie etwa Profanatica, Blasphemy, Mystifier..."
Aber denkst du nicht, daß dieses ganze Geschäft mit Todeslisten und Anschlägen gegen unbeliebte Bands zu weit geht?
"Also, nach Euronymous ist die Person, die der erhabene Black Metal Council am meisten haßt, Occultus, der Ex-Mayhem-Sänger. Er lebt in Norwegen, und er lebt immernoch. Das sind Kinder, die reden viel, jetzt haben sie ein bißchen Schwachsinn verzapft, haben sich erwischen lassen, und das Geheule ist groß. Ich stehe auch auf ihrer Todesliste. Was ist passiert? Sie rufen uns am Wochenende nachts an - sehr erschreckend. Ich kann diese Kinder, die sechs Jahre jünger sind, einfach nicht ernst nehmen. Und wenn es mein Schicksal sein sollte, von einem norwegischen Schwachkopf umgebracht zu werden: So sei es. Aber ich werde kämpfen."
Dennoch, Angriffe wie der auf Therion sind mehr als nur Kinderkram.
"Fakt ist, daß Therion Treibhaus-Effekt-Death Metal spielten und jetzt plötzlich okkulten Trend-Metal. Aber ich würde sie dafür nicht umbringen. Ich sage auch nicht, daß Kinderkram immer harmlos ist; ich sage, daß die Leute in Norwegen einen Hirnschaden haben, der nichts mit Black Metal zu tun hat!"
Es ist nicht zu bestreiten, daß den vielen Elementen er ganzen Szene, ihren Ideologien und Organisationsformen, etwa anhaftet, das man als faschistisch bezeichnen könnte. Gerade junge Leute können dieser mystisch verbrämten Gewaltbereitschaft leicht erliegen - ähnlich dem politisch rechten Straßenkampf-Gebahren hier in Deutschland. Aber man sollte nicht dem Fehler verfallen, deswegen gleich die gesamte Black Metal-Szene zu verdammen. Gerade der aufgeklärte Metaller heutzutage bekennt immer seine weitgehende Toleranz gegenüber anderen Gedanken, und sogar Bands wie Deicide und Cannibal Corpse werden an den Fallgruben von Report und Konsorten liebevoll vorbeigezogen. Sicher ist die Ähnlichkeit dieser norwegischen Ereignisse mit den traurigen Vorgängen in unserem Land erschreckend, dennoch - deswegen habe ich auch Leute wie Ted, Tomas und Mika zu Wort kommen lassen - sollte man nicht gleich alle Black Metal-Fans zu Idioten erklären. Ich finde es schade, wenn die Reaktion darin bestehen muß, daß Bands wie Samael urplötzlich von den österlichen "Full Of Hate"-Festivals fliegen; ja wenn sich Journalisten auf einmal dazu gezwungen fühlen, Black Metal-Platten mies zu finden. Um es einmal auf einen vielleicht extremen Punkt zu bringen: Generalisierte Verurteilungen haben wir wirklich nicht nötig. Jeder sollte für sich selber nachdenken, sein eigenes Urteil treffen. Alleine die Frage, wer jetzt eine Black Metal-Band ist (und deswegen der Feind), ist nicht so einfach zu entscheiden. Kategorien fressen sich selbst, und das Beispiel Ausländerfeindlichkeit zeigt doch, wie undifferenziert man wird, wennman erstmal anängt, in Kategorien zu denken. Was den Black Metal betrifft: Vielleicht wird es einige überraschen, daß in Finnland etwa Tiamat als reine Black Metal-Band gelten. Die durften aber dem österlichen Lärmreigen beiwohnen... Black Metal auf die Aktivitäten eines irregeleiteten Kreises von Spinnern zu reduzieren, hieße das gleiche, wie Heavy Metal als generell gewaltverherrlichend, sexistisch und protofaschistisch abzutun. Jede Form von Musik hat es verdient, sich mit ihr als Phänomen auseinanderzusetzen. Das Klischee des Black Metal als die akustische Untermalung für abbrennende Kirchen mag medienwirksam sein, aber es ist nicht gerade fair.
R. Müller
1 Kommentar:
Mein Senf dazu:
Wenn ich das selbst so lese, merkt man doch, daß in den vergangenen 14 Jahren ne Menge mit der Thematik passiert ist.
Kurz nach der ursprünglichen Veröffentlichung 1993 kam der norwegische Supergau - Euronymous ermordet, Grishnakh der Mörder (dessen damalige Kirchenbrandverdachte sich dazu noch bestätigten), sowie weitere Personen des Umfelds im Knast.
Mittlerweile hat sich diese Musikform etabliert, Bands wie Enslaved räumen den Spellemannsprisen ab und selbst in der BRAVO waren schon Bands. Auch Nocturno Culto´s benanntes Mysterium des Black Metals ist gebrochen - er selbst hat nen Film rausgebracht und daß ihm sein Bandgefährte Fenriz heute noch egal wäre - ich glaub´s nicht so recht.
Zu Impaled Nazarene: Die Musik war damals schon sehr extrem, die Jungs selbst waren aber eigentlich nie so bitterböse, wie sie klangen. Und schaut man sich mal das Booklet von "Decade of Decadence" an, so findet man Mika auf einem Bild mit Ihsahn der norwegischen Emperor. Tja das war auch einer der besagten "Norweger"... (auch wenn er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen)
Alles Wendungen, die damals wohl kaum zu glauben gewesen wären. o_O
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